Gedanken zur Tageslosung am Sonnabend, den 11. Juli 2020

von Pfarrer Dr. Friedrich Christoph Ilgner

"Der HERR wird seinem Volk Kraft geben." Ps 29,11

 

Es gehört zu den herrlichsten Verheißungen des Evangeliums, dass Gott seinem Volk Kraft geben werde. Die Logik dieses Verses setzt voraus, dass es Augenblicke der Kraftlosigkeit gibt. Hier ist nun nicht von der Erschlaffung und Schwäche eines einzelnen, sondern eines ganzen Volkes die Rede. Auch das gibt es offensichtlich.

 

Aber ein Volk setzt sich aus vielen Einzelpersonen zusammen. Gott will zunächst den Einzelnen. Er findet Mittel und Wege, den Einzelnen zu kräftigen, um dann den Funken überspringen zu lassen. Das glaube ich.

 

Schaue ich in mein Leben, finden sich viele Gelegenheiten, von denen ich sagen würde, dass Gott mir Kraft gegeben hat. Oft hat er Menschen erkoren, die das besorgt haben. Eine Begebenheit ist in meiner Erinnerung besonders wichtig geblieben.

 

Sie hat mit meinem Vater zu tun. Er war es, der mich als Achtklässler aus Dresden abholen musste, als ich von der Schule flog. Das war eine böse Sache. Ich sang seit der 5. Klasse im Kreuzchor und wohnte im Internat. Die Sache war die:

 

Wir waren alle Lausbuben und spielten einander Streiche aller Art. Eines Tages griffen wir einander mit brennenden Streichhölzern an. Man stellte eins auf die Reibefläche und schnipste es mit der anderen Hand, so dass es aufflammend und in hohem Bogen dem Kontrahenten entgegenflog. Das war ein Spaß.

 

Es kam, wie es kommen musste. Ein Hölzchen verfing sich glimmend in der Gardine und brannte ein großes Loch hinein. Ich riss sie stracks hinunter und trat das Feuer aus. Es war keine große Sache. Nur dass die Gardinenstange mit hinunter polterte, welcher Lärm eine Erzieherin weckte. Sie streckte ihren Kopf ungebeten durch die Türe, roch den Braten und machte eine große Meldung. Anfängliches Leugnen war zwecklos. Es gab eine gestrenge Untersuchung, in deren Ergebnis beide Sünder relegiert wurden.

 

Der Vater reiste aus Görlitz an. Es war drei Tage vor Weihnachten. Er war in einer stundenlangen Unterredung mit dem Schuldirektor, einem gewissen Prof. Richter, begriffen. Er sagte später, er hätte mit Engelszungen geredet. Es wäre aber zwecklos gewesen. Als es dämmerte, kam er ins Internat hinüber und eröffnete mir, dass er mich gleich mitnähme. Wir packten trübsinnig den ganzen Kram zusammen. Als wir uns vom Kreuzkantor verabschiedeten, machte der noch einen Versuch, mich als Sänger wenigstens noch über die Weihnachtstage da zu behalten. Aber der Vater erlaubte es nicht.

 

Es war stockdunkel, als wir in den Trabant stiegen. Es war eisig kalt. Die Heizung dieses mickrigen DDR-Autos schaffte es nicht, den Innenraum zu erwärmen. Wir saßen in unseren Winterjacken. Ein dichtes Schneetreiben setzte ein. Es war gespenstisch. Wir saßen stumm nebeneinander. Mir war die ganze Sache unheimlich peinlich. Außerdem war ich überrascht von dem abrupten Ende. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich schämte mich für die ganze Dummheit. Noch mehr für die Vertuschungsversuche. Es war erbärmlich. Mit einem Schlage war mein ganzes kleines Leben durcheinander geraten.

 

Bis Bautzen haben wir kein Wort geredet. Dann sagte der Vater etwas. Es war nur ein einziger Satz. Er sagte: "Nun habe ich dich wenigstens wieder zu Hause." Mehr nicht. Auch danach haben wir die ganze Fahrt über nicht geredet.

 

Dieser harmlose Satz war ein Wunder. Gleich damals habe ich begriffen, dass dieser kleine Satz mein jämmerliches Kinderschicksal wendet. So ist es auch gekommen. Da hatte mir Gott meine Kraft zurück gegeben.

 

Nun ist der Vater schon lange tot. Aber er hat angeordnet, welcher Bibelvers auf seinem Grabstein stehen soll. "Durch den Glauben redet er noch, obwohl er gestorben ist." (Hebr. 11,4)

 

Das rechte Wort zur rechten Zeit zu finden, ist eine Kunst, die der Heilige Geist lehrt. Es braucht nicht sonderlich klug, gelehrt oder tiefgründig zu sein. Jeder kann in diesem Sinn zum Instrument Gottes werden, der kräftigt, tröstet und zurüstet. Es genügt mitunter ein Satz, dessen freimachender Lebensmut überspringt, wir wissen nicht wie. So war es schon zu der Apostel Zeiten: "Sie sahen aber den Freimut des Petrus und Johannes und wunderten sich; denn sie merkten, dass sie ungelehrte und einfache Leute waren, und wussten auch von ihnen, dass sie mit Jesus gewesen waren." Apg 4,13

Quelle
Gemeindebrief Christuskirche Mai 2019